Magische Zeit… es ist bald wieder soweit

… es ist bald wieder soweit.

Beltain steht vor der Tür. Ich muss sagen, die Wetterlage hier in der Rhön fordert mich ganz schön. Gefühlt hängen wir sowas von hinterher. Hier beginnen gerade mal die Bäume langsam auszutreiben.  Gefühlt müsste der Frühling schon längst ausgebrochen, sich nach dem Winter wild losgerissen und befreit haben. Ungebändigt. Das ist zumindest das, was meine innere Uhr vorgibt, wenn ich in den Kalender schaue oder mir einfach nur das Datum ins Bewusstsein rufe. Wenn ich mich zurück erinnere an die Zeit in meiner Altheimat, der Pfalz, kann ich es rückwirkend noch spüren, wie lebendig alles war zu dieser Zeit. Die Rhön ist einfach etwas rauer… Nur der Schnee, der sich in den letzten Tagen so unschuldig vom Himmel herabsinken ließ… er brachte mich an die Grenzen meiner Fassung. Und an meiner Fassung zu rütteln, das möchte schon etwas heißen.

Überhaupt, wenn ich versuche die letzten fünf Jahre blitzschnell zu greifen, zu fassen mit meinem Bewusstsein, so fühlt es sich an, als hätte ich davon mindestens drei Jahre in einem Dämmerzustand verbracht. Mit dem Dunkel des letzten Neumondes blieb so vieles zurück und nun frei, möchte ich sogern den Frühling im Außen spüren und erfahren, den ich einfach in mir schon fühle.

Die Geister der Natur erwachen nach dem langen Winterschlaf. Die Samen die in der Erde geruht haben über den Winter (oder die, die wir in den ersten Monaten behutsam in die Erde gegeben haben), sind aufgebrochen, ausgetrieben. Getrieben vom Kreislauf des Lebens, der alles erschafft, erhält und wieder vergehen lässt. Die Natur ist bereit die Große Ehe einzugehen…

Ich möchte gern ein Text mit dir teilen, nimm dir Zeit und Ruhe, ließ ihn und spüre die Qualität der Zeit… Es ist möglich, dass du dabei an deine persönliche Grenzen stößt. Vielleicht sind es Grenzen aus anerzogenem Scham. Vielleicht glaubst du es sind religiöse Grenzen. Schau einfach was die Worte mit dir machen. Es ist die Kraft der Natur, die hier wirkt. Die Natur ist nicht gut oder böse, sie IST einfach.  Unsere Welt ist geprägt vom Werden, Sein und Vergehen… Unser Ziel ist es jedoch den Teil in uns zu finden, mit dem wir mit der Ewigkeit verbunden sind.

 

Der Gehörnte tanzt wieder!

Walpurgis und das Erwachen der Kraft

Der Künstler Voenix ist überrascht, fast schockiert, als er gebeten wird, an Beltane, einem heidnischen Fruchtbarkeitsfest, die Rolle des Gehörnten Gottes zu übernehmen. Doch dann lässt er sich doch darauf ein.

Es war Winter 1995, als mein Freund Akron aus der Schweiz bei mir anfragte, ob ich mir vorstellen könne, beim kommenden Walpurgis oder Beltane-Fest die Rolle des »Gehörnten Gottes« zu übernehmen. Zunächst war ich natürlich überrascht, ja fast schockiert, wie er dabei ausgerechnet auf mich gekommen war. Als er mein Zögern bemerkte, riet er mir, das Ganze ein paar Tage auf mich wirken zu lassen, bevor ich ihm telefonisch Bescheid geben würde. Die nächsten Stunden studierte ich einige meiner Zeichnungen, die ich im vergangenen Jahr angefertigt hatte, bei denen der »Gehörnte« oder »Der Grüne Mann« auffallend oft im Mittelpunkt standen. Ja, der Gott der Fruchtbarkeit war mir ein wohlvertrauter Archetyp, mit dem ich mich bereits schon auf vielen Ebenen auseinandergesetzt hatte. Nur eben noch nicht auf der realen. War dies die Antwort jener Kraft, die ich auf unbewusst-magischer Ebene schon längst gerufen hatte? Da ich auch in den vergangenen Jahren über meine künstlerische Auseinandersetzung mit den verschiedensten Themen, genau diese auf die eine oder andere Weise »eingeladen« hatte, kann ich diese Frage heute mit einem
eindeutigen Ja beantworten, und so beschloss ich neugierig, diesem »Ruf« zu folgen.

Wie kleidet sich ein Gott?

Zunächst brauchte ich irgendein Gewand, vor allem ein Hirschgeweih musste her. Aber woher so schnell nehmen und nicht stehlen? Ein Freund, der damals bei einer Abrissfirma tätig war, schien meine Gedanken aufgeschnappt zu haben, denn er tauchte drei Tage später mit einem mächtigen Hirsch-Geweih bei mir auf, das er in einem abbruchreifen Haus ergattert hatte. Dieses schwere Gehörn galt es nun irgendwie an meinem Kopf zu befestigen und so beschaffte ich mir einen alten Sicherheitshelm, an dem ich das Geweih befestigte. Der Helm wurde grün lackiert und mit entsprechendem Farn geschmückt. Einen Mantel aus grünem Stoff, einen Lendengurt aus Fell, dazu meine selbstgemachten Mokassinstiefel, und fertig war die Laube.

Zu jener Zeit kannte ich Akron erst ein gutes halbes Jahr. Wir waren zusammengekommen, um gemeinsam die Illustrationen für sein neuestes Buch zu entwerfen, und ich hatte auf diesem Weg einige Einblicke in seinen kleinen Wiccacoven (Hexenorden) werfen dürfen, als deren geistiges Oberhaupt er fungierte. Diese illustere Schar bestand aus einer wild zusammengewürfelten Gruppe jüngerer und etwas reiferer Damen, die sich gelegentlich trafen. Zweimal im Jahr fanden sie alle zusammen, um die großen Feste Beltane (Walpurgis) und Samhain (Halloween) gemeinsam zu begehen. Als ich in St. Gallen, Akrons Heimatstadt, eintraf, erfuhr ich von ihm, dass bereits das Schweizer Fernsehen bei ihm angefragt hätte, ob sie bei diesem Event dabei sein dürften. Diese Nachricht brachte mich natürlich erstmal ordentlich aus dem Konzept. Den Hirschgott zu mimen war eine Sache, aber mich vor Fernseherzuschauerm fast nackt zu präsentieren, bzw.nden gehörnten Affen zu machen? Nein, dazu verspürte ich wenig Lust, was ich auch lautstark kundtat. Akron
beruhigte mich jedoch und überzeugte mich davon, dass ein »angehender Schamane« sich von derartigen
Nebensächlichkeiten doch nicht aus der Ruhe bringen lassen würde. Die Kameraleute hätten zugesagt, sich uns völlig anzupassen, wir sollten so tun, als wären sie gar nicht zugegen. Nun gut. Obwohl ich nicht wenige Zweifel hegte und meine Nervosität beträchtlich anstieg, fieberte ich dem Ereignis mit wachsender Neugier entgegen. Diese betraf vor allem meine Ritual-Partnerin, die ich bis dahin noch nie zu Gesicht bekommen hatte.

An besagtem Tag begaben sich alle Beteiligten auf eine leicht bewaldete Anhöhe, ein Privatgrundstück mit Blick direkt auf
den Bodensee. Auf diesem wilden Flecken Erde steht ein altes, schon im Zerfall begriffenes Gemäuer, das von einem mittlerweile gut neunzig-jährigen Maler bewohnt wird. Die grüne Umgebung präsentierte sich unkultiviert und wild, und als wir eintrafen, hatten schon ein paar Männer ihre Trommeln zum Kultplatz getragen. Innerhalb der nächsten zwei Stunden trafen noch einige weitere Leute ein, von denen ich jedoch kaum jemanden kannte. Schließlich befanden sich ungefähr dreißig Personen auf dem Platz. Ich legte mein Gewand etwas abseits vom Geschehen zwischen zwei große alte Bäume, die ich hoffte später im Dunkeln problemlos wiederzufinden. Inzwischen war auch das Fernsehteam eingetroffen, das glücklicherweise mit einer recht unspektakulären Handkamera agierte.

Das Ritual beginnt

Lussia, die Oberpriesterin, fordert alle Frauen auf, sich im Kreis aufzustellen und richtet ein paar einleitende Worte an alle Anwesenden. Sie spricht von der bevorstehenden Vereinigung der Gegensätze, der Hoch-Zeit des männlichen mit dem weiblichen Prinzip, die sich nun in dieser Nacht vereinigen, um die Früchte dieser Erde zu segnen. Dann werden zwei vorbereitete Holzstöße entzündet, die sogleich hell aufflackern, da der Wind die letzten Stunden beträchtlich zugenommen hat. Ein Sturm zieht auf. Rund um den Bodensee ist das Leuchten der Warnlichter zu sehen, die alle Boote auffordern, sich bei diesem Wetter in den sicheren Hafen zu begeben. Mittlerweile ist es dunkel geworden und die Trommeln stimmen einen ersten, monotonen Rhythmus an. Lussia geht im Kreis mit einer Salbei-Räucherung zu allen Teilnehmern, um diese zwecks energetischer Reinigung mit einer Feder zu befächern. Nach dieser Prozedur ziehe ich mich langsam in die Dunkelheit zurück, um mein Gewand anzulegen. Zwischen den Bäumen ist es stockfinster, und ich bin froh, dass ich mir »meine« Stelle noch bei Tageslicht markiert habe. Als ich mich im Dunkeln entkleide bemerke ich, wie meine Hände leicht zittern. Die Aufregung und Anspannung des bevorstehenden Rituals lässt mir das Blut in die Schläfen schießen. Hastig versuche ich, meine spärliche Bekleidung zu ordnen und anzulegen. Der schmale, durch den Schritt gezogene Lendenschurz wird an der Taille nur von einem Gürtel zusammengehalten. Die Vorstellung, dass er mir vor laufender Kamera verrutschen könnte, trägt nicht gerade zu meiner Entspannung bei. Zu meinem »Schutz« trage ich allerdings eine luchsähnliche Maske. Schließlich ziehe ich den ledernen Halteriemen des Helms unter meinem Kinn fest, damit das schwere Geweih mir nicht im falschen Moment vom Kopf kippen kann. Ich lege mir den grünen Mantel um und versuche mich ganz nach innen zu richten. Sofort meldet sich mein kontrollierender Verstand, der mich unerbittlich mit Zweifeln malträtiert: Bin ich eigentlich noch zu retten? Meine ich hier etwa den christlichen Teufel mimen zu müssen? Meine christliche Erziehung lässt grüßen. Und, was mache ich hier eigentlich?

»Lass einfach los«, meldet sich eine andere Stimme in mir. Ich starre auf die Lichtung, wo die Frauen einen leichten Singsang angestimmt haben, um die Göttin zu empfangen und vorzubereiten. Eine sehr schöne Frau, deren magischer Name Medea lautet, wird von zwei Priesterinnen in den Kreis geführt. Sie trägt lediglich ein weißes Kleid und auf ihrem Haupt einen geflochtenen Blütenkranz. Von flackerndem Feuerschein beleuchtet, strahlt sie für mich zwischen all den anderen Frauen hell hervor. Ich blicke hinauf in den Nachthimmel, wo die schnell vorbeiziehenden Wolkenfetzen
schwach zu erkennen sind. Über mir fährt der Wind brausend durch die Baumwipfel, dass es um mich herum nur so knarrt und ächzt. Eine Gänsehaut überzieht meinen Körper – und dann ist sie plötzlich da – die Kraft! Eine magische Kraft, wie ich sie nie zuvor gespürt habe! Sie beginnt an den Beinen, kriecht nach oben und erfasst mich schließlich überall. Wie von selbst erhebe ich meine Arme ruckartig in den Nachthimmel, um gegen den anstürmenden Wind meinen Gruß zu Odin zu brüllen. Es ist, als spüre ich seine Anwesenheit in diesem Moment über mir, unter mir, in mir. Odin scheint im Heulen des Windes, im Knarren der sich im Sturmwind biegenden Äste. Überall ist Kraft! Ein paar Meter über mir ertönt ein
lautes Knacken. Dann kracht ein vom Sturm abgerissener großer Ast nur knapp zwei Meter hinter mir zu Boden. Ich recke mich abermals, hebe den flatternden Umhang, und brülle Odins Namen erneut.

Wie in Trance vernehme ich Lussias Stimme, die den Gehörnten Gott ruft, auf dass man ihn nun in ihrer aller Mitte empfange. Obwohl mein ganzer Körper vor Erregung zittert, schreite ich so bedächtig wie möglich aus meinem Versteck und augenblicklich verstummt jegliche Stimme. Auch die Trommeln setzen aus. Alle Augen sind auf mich gerichtet. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich endlich vor »meine Göttin« trete und ihr in die Tiefe ihrer rehbraunen Augen blicke. Wir stehen zwischen den beiden Feuern voreinander. Mit etwas scheuer, aber klarer Stimme spricht sie zu mir:

»Mein geliebter Gott der Triebe, lass uns nun verschmelzen mit dem Rhythmus der Natur. Spende du mir deinen Lebenssaft, und ich werde dir alle Früchte dieser Erde schenken.«

Kraft der Ekstase

Lussia tritt zu uns, nimmt mir meinen Mantel ab und breitet ihn neben uns auf der Wiese aus. Dann übergebe ich ihr den Helm mit dem schweren Geweih, mit dem unmöglich zu tanzen wäre. Dann setzen die Trommeln wieder ein, und Medea beginnt langsam um mich herumzutanzen. Ich gehe in die Hocke und erweise ihr meine Ehrerbietung, bevor ich versuche, sie auf spielerische Weise zu berühren. Sie lockt mich mit eindeutigen Gesten, um sich mir im nächsten Augenblick aber wieder lachend zu entziehen. Während unser Balztanz andauert, beginnt der Kreis der Frauen seinen Tanz ebenfalls wieder aufzunehmen, sich dabei im Uhrzeigersinn um uns beide drehend. Die Trommeln werden schneller, und ich stampfe dabei wild gestikulierend auf meine wundervolle Beute zu. Ich will sie, begehre sie mit jeder Faser meines Körpers. Ich greife nach ihr und ziehe sie auf den Mantel nieder. Ihr ebenfalls erhitzter Körper drängt sich mir herrlich weich entgegen und wir halten uns eng umschlungen. Irgendwann drehe ich sie herum. Bereitwillig kauert sie sich vor mir nieder und reckt mir ihren wunderbaren Hintern entgegen. Ich packe ihre Hüften, ziehe sie zu mir heran, knete ihre Brüste und stoße zu. Die Frauen um uns herum beginnen wilde Schreie und Juchzer auszustoßen. Plötzlich springt der von mir längst vergessene Kameramann übereifrig in den Kreis, um diesen besonderen Moment entsprechend gut ins Bild zu fassen. Ich höre mich nur noch knurren. Erschrocken beschließt er, uns doch lieber wieder von etwas weiter hinten zu filmen. Noch einmal erhöht sich das Stakkato der Trommeln, bis ich das Ritual schließlich beende, indem ich mit einem
gewaltigen Urschrei über ihr zusammenfalle. Lussia springt hervor und rollt uns beide in meinen Mantel ein. Dort sind wir nun vor den Augen aller Anwesenden geschützt und dürfen ganz für uns sein. Wir liegen erhitzt und glücklich nebeneinander, halten uns an den Händen und lauschen in die Nacht hinein, während sich die Stimmen um uns herum entfernen.

Hexensabbat

Obgleich dieser Bericht stellenweise danach klingen mag, als sei er lediglich meiner schriftstellerischen Phantasie entsprungen, sei versichert, dass sich in dieser Nacht alles genauso zugetragen hat. Freilich ist dies meine ganz eigene subjektive Wahrnehmung, und jeder der damals Anwesenden wird dieses Ereignis auf seine eigene Weise erlebt haben.
Für mich aber hatte an diesem Abend die Kraft gesprochen, und sie hatte mich so nachhaltig ergriffen, dass ich auch die kommenden zehn Jahre zu diesem Datum in der Schweiz den Gehörnten gegeben habe.

Eines möchte ich am Schluss noch anführen. Es geht um jenen Moment, als all die wild kreischenden Frauen um mich und meine Göttin herumtanzten. Das Flackern des Feuers bewegte sich mit einem Mal wie in Zeitlupe und ich sah diese Frauen tatsächlich »fliegen«. Ihr tanzender Reigen erzeugte eine Wahrnehmung, von deren ekstatischer Energie wir ebenso getragen wurden, wie diese von der unseren als Brautpaar. Ein kurzer und mir in diesem Moment doch unendlich erscheinender Augenblick, der mich erahnen ließ, welche Qualität frühere Hexensabbate einst für den Heiden dargestellt haben müssen. Riten, die für die Menschen einen ganz wichtigen Stellenwert besaßen, weil sie einen für kostbare Momente in die Welt der Magie und Ekstase eintauchen lassen können. Etwas, das wir irgendwann aufgegeben und verloren haben, als wir uns abwandten von der Lebendigkeit des Lebens. Abwandten von unserer eigenen Natur, deren ständige Kontrolle durch den rationalen Geist unserer Gesellschaft zum Credo geworden war. Ich will damit nichts Vergangenes beschönigen und romantisieren, noch Bestehendes verurteilen. Alles hat seinen Preis, und wir hätten nicht diese Welt, wenn wir sie nicht alle zu dem machten, was sie heute ist. Aber vielleicht erspürt man in diesem Erfahrungsbericht etwas von dem, was ich meine. Etwas, das die meisten nur noch vom Hören sagen kennen oder sich viele ohne Drogen gar nicht mehr vorstellen können  die Kraft wirklicher Ekstase!
Voenix (Jahrgang 1968), Autor, Maler und Mythenkenner, ist freischaffender Künstler und lebt in Nordrhein-Westfalen.
Frei nach dem Motto: »Nicht Einzelner sondern Drama ist der Mensch, und Drama ist die Welt der Mythen«, gilt sein
Hauptinteresse den Mythologien des Abendlandes, die er wieder verstärkt ins Bewusstsein heben will.

www.voenix.de

Aus dem Heft connection extra Schamanismus

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